Perspektivwechsel schafft Innovationen

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Für die Planung von Pflegeressourcen hat Constanze Büchner eine Lösung entwickelt. Die Software CrewLinQ unterstützt Pflegeeinrichtungen, wenn Personal ausfällt – und sorgt so für bessere Arbeitsbedingungen in Pflegeeinrichtungen. Dass sie vorher Operngesang studierte und im Kulturmanagement arbeitete, kam Constanze dabei wohl nur zugute. Ihre Perspektive auf die zuvor „fremde“ Branche schuf eine Lösung. Wie genau, erzählt sie Simeon Atkinson.

Constanze, du hast CrewLinQ gegründet, um bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Work-Life-Balance in der Pflege zu ermöglichen. Wie funktioniert das?


In Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen wird immer noch sehr viel telefoniert, um Ersatz zu finden, wenn Krankmeldungen reinkommen. In manchen Kliniken werden für eine Krankmeldung 40 bis 50 Telefonate geführt, ein wahnsinnig ineffizienter Prozess, der die Mitarbeitenden auf beiden Seiten der Telefonleitung unter Druck setzt. Mit CrewLinQ haben wir ein digitales Ausfallmanagement entwickelt, wodurch Schichten über unsere Software durch ein paar Klicks, gefiltert nach Qualifikation, Station und Schicht, an die Mitarbeiter versendet werden und diese auf ihrer App annehmen oder ablehnen können. Dadurch werden sie nicht mehr in ihrer Ruhezeit gestört. Sie können auch selbst einige Filterfunktionen einstellen, sodass sie nur möglichst individuelle Anfragen bekommen.

Wie steht es um die Work-Life-Balance bei euch im Unternehmen? Für dich als Working Mum ist das vielleicht auch ein persönliches Anliegen. Andererseits bezeichnest du dich selbst als Workaholic.


Prinzipiell ist es mir natürlich wichtig, dass wir nicht nur ein Produkt für mehr Work-Life-Balance anbieten, sondern genau das auch in unserem Unternehmen leben. Wir haben uns im Team die letzten Monate sehr intensiv mit unseren Unternehmenswerten auseinandergesetzt und für uns als Team die Werte Eigeninitiative, Vertrauen, Wertschätzung und Dynamik bestimmt. Ich glaube, dass man eine völlig andere intrinsische Motivation hat, wenn man sinnstiftende Arbeit verrichtet, und so auch eine positivere Haltung zur Arbeit und zum Leben hat. Außerdem haben wir sehr flexible Arbeitszeiten, überwiegend die Möglichkeit, von dort zu arbeiten, wo man möchte (außer dienstags, da treffen wir uns immer im Büro, wo wir auch zusammen Mittag essen gehen), und, was mir besonders wichtig ist, wir haben eine sehr familienfreundliche Kultur. Warum ich mich als Workaholic bezeichne: Na ja, als Geschäftsführerin und Gründerin muss man sich meines Erachtens dennoch aus den „Unternehmensregeln“ ein wenig rausziehen und die ein oder andere Extrarunde drehen, weil man noch mal eine andere Verantwortung trägt. Auch wenn das natürlich kräftezehrend sein kann, arbeite ich aber auch einfach super gern.

2021 hast du CrewLinQ ohne Gründerteam an den Start gebracht. Das ist sehr stark. Genauso stark finde ich aber die Entscheidung, dann doch noch einen Mitgründer an Bord zu holen. Gab es für dich ein Erlebnis, das dir klargemacht hat: „Jetzt brauche ich als Gründerin Unterstützung“?


Erstens hatte ich einfach Lust, zu zweit das Unternehmen zu führen, und zweitens hatte sich alles so wunderbar mit Torsten gefügt. Er suchte nach einer neuen Herausforderung und ich nach einem Co-Founder. Ich hatte nicht die Erfahrung, wie man eine Finanzierungsrunde stemmt und ein Start-up finanziell aufstellt, und genau das ist es, was Torsten kann und wofür er brennt, weshalb es inhaltlich super gepasst hat. Außerdem arbeite ich einfach sehr gerne mit ihm zusammen.

Eure Software ist jetzt in verschiedenen Einrichtungen, vor allem Krankenhäusern, eine etablierte Lösung. Was hast du in der Zeit über eure Kunden gelernt?


Dass man einen langen Atem braucht. Die meisten Leute in der Branche wissen, dass es Veränderung braucht, trauen sich aber oft nicht oder sehen so viele Hürden, die sie überwinden müssten, dass es oft Berührungsängste mit Digitalisierung gibt. Wenn man sie aber „an die Hand nimmt“ und in dem Prozess begleitet, erhält man viel positive Resonanz.

Wenn du diese Klarheit schon vor Jahren gehabt hättest, wäre der Start sicher leichter gewesen. Wie ist es dir gelungen, die ersten ein bis zwei Kunden zu gewinnen?


Ja, es ist schwer, weil unsere Zielgruppe so tickt, dass sie eher durch „Hörensagen“ etwas kaufen würde als durch simple Werbung. Daher war es natürlich am Anfang ein Spagat, wenig Referenzkunden zu haben und dennoch wie ein erfahreneres junges Unternehmen zu wirken. Den ersten Kunden, ein Haus der Alexianer-Gruppe, haben wir tatsächlich über private Kontakte erhalten. Je mehr Kunden wir in unser Netzwerk aufnehmen können, desto leichter wird es natürlich.

Bei alldem würde man nicht meinen, dass du Operngesang studiert, jahrelang in der Kulturbranche gearbeitet und dann durch Zufall den Weg in die Pflege gefunden hast. Warum braucht es Quereinsteiger im Gesundheitswesen?


Ja, ich habe einen etwas verrückten Lebenslauf. Im Operngesang habe ich viel über mich selbst gelernt und darüber, mich in einer auch mal ungemütlicheren Welt zu behaupten. Nach meinem Kulturmanagement-Studium habe ich u. a. Kulturinstitutionen geleitet und so viel über Management und Innovation gelernt – wenngleich mit einer anderen Brille betrachtet. Und ich denke, genau das benötigt es mehr in der Pflegebranche, weil man in seiner eigenen Branche auch mal schnell betriebsblind wird, und da benötigt es Leute, die um die Ecke denken und neue Denkanstöße liefern, auch wenn es erst mal ungemütlich werden kann.